Frech-frivole Premiere eines topaktuellen Stoffes zur Eröffnung der 24. Clingenburg Festspiele in Klingenberg am Main
Bestes Sommerwetter und begeisterte Zuschauer erlebte die Premiere des Musical-Klassikers „Cabaret“ am Mittwochabend auf der Naturbühne der Clingenburg. Die Zuschauer wurden zweieinhalb Stunden lang mitgenommen auf eine Reise ins freizügig-frivole Berlin der frühen 30er Jahre, geprägt von sexueller Liberalität, von Hoffnungen, Sehnsüchten und einer innigen Liebe, die aber dem aufziehenden Nationalsozialismus nicht standhält. Regisseur und Intendant der Clingenburg Festspiele Marcel Krohn inszenierte eine herrliche Kostüm-Revue mit perfekt reduziertem Bühnenbild und brillanten Schauspielern.

„Das Leben ist ein Cabaret“ oder, modern ausgedrückt, „The show must go on“ steht als großes (Lebens-)Motto hinter dem Musical von John Kander aus dem Jahr 1966, weltberühmt geworden durch die Verfilmung mit Liza Minnelli in der Rolle des extravaganten Showgirls Sally Bowles von 1972. Weltberühmt sind auch einige der Songs daraus wie etwa „Money, Money“ oder der Begrüßungssong „Willkommen, Bienvenue, Welcome“.

Und willkommen fühlt sich auch der Zuschauer in dieser entschwindenden Glitzerwelt der gerade zu Ende gegangenen Goldenen 20er Jahre. Er wird förmlich hineingezogen in diese sich widersprechende Atmosphäre aus Lebensgier und allmählich aufkeimendem Nationalsozialismus. Regisseur Marcel Krohn, der dieses Mal auch das Bühnenbild entworfen hat, spielt subtil mit farblichen Akzenten, etwa braunen Türen, um den Kontrast deutlich zu machen. Die Revue-Girls in glitzernden Charleston-Kleidern (Kostüme: Marianne Heide) entsteigen am Anfang einem schwarz-rot-goldenen Klavier und beginnen den Tanz auf dem Vulkan fröhlich, anzüglich und ansteckend, immer begleitet von einer ebenfalls als Showgirls verkleideten Band, die traditionsgemäß alle Songs des Musicals live einspielt.

Das Lebensgefühl der 20er Jahre verkörpert mit lasziver Lust an der Travestie der mit langen Wimpern versehene Conférencier des Kit-Kat-Clubs (Werner Wulz) – eine der schillerndsten Figuren des Abends. Seine Hauptattraktion ist die Engländerin Sally Bowles. Mariyama Ebel spielt die junge, freiheitsliebende und erfolgsorientierte Künstlerin mit sprühendem Lebenshunger, den auch der nachdenkliche, junge amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw (Fabian Baecker), in den sie sich verliebt, nicht zu stillen vermag.

Der kurzen, aber aufrichtigen Liebesgeschichte der beiden Ausländer in Berlin wird die späte Romanze zwischen der Zimmer-Vermieterin Fräulein Schneider und dem jüdischen Obsthändler Herrn Schultz gegenübergestellt. Es ist eine Freude, den beiden Darstellern Franziska Krumwiede und Claus Wilcke – dessen Stimme dürfte vielen noch als Synchronstimme von Richard Burton und Omar Sharif bekannt sein – bei ihren zarten Annäherungsversuchen zuzusehen. Sie legen dabei nicht nur jede Menge komödiantisches Talent an den Tag, sondern auch echte Erschütterung, als klar wird, dass aufgrund der sich ändernden Umstände diese Liebe doch keine Zukunft hat.

Aber nicht nur die beiden Liebesgeschichten tragen die Inszenierung, auch die Choreografie (Timo Radünz) und die Nebenrollen zeichnen ein Lebensgefühl des „anything goes“, das sich zuerst noch zuspitzt, bevor sich die Geschichte drastisch wendet.

So ist auch ein Fräulein Kost (Ramona Schmid) als Matrosen liebende Prostituierte deftige „Zutat“ neben dem immer heftiger auftretenden Nationalsozialisten Ernst Ludwig (Maik Eckhardt), der am Arm eine Binde trägt, auf der nicht das Hakenkreuz, sondern die Lettern „ANGST“ zu entziffern sind. Das Ganze umrahmen mit herrlicher Laszivität die Show-Girls, die zunächst noch den Nationalsozialisten mit Spott begegnen, sich dann aber bei den Opfern wiederfinden. „Was hat denn Politik mit uns zu tun?“, fragt Sally ihren Cliff, bevor sie sich von ihm trennt. Es gibt zahlreiche Anspielungen, die sich leicht auf die heutige Zeit übertragen lassen. Das Premierenpublikum war sichtlich berührt, aber auch verzaubert von der unverwüstlichen Welt des Cabarets, in der es jeden Abend wieder heißt: „Bienvenue. Hier bei uns ist das Leben wundervoll!