Den bayerischen Charme unter weißblauem Himmel eingefangen

Erstmals eine ur-bayerische Komödie auf der Clingenburg: „Ein Münchner im Himmel und in der Hölle“. Ein begeistertes Premierenpublikum spendete minutenlangen Applaus.

Bei der Premiere von „Ein Münchner im Himmel und in der Hölle“ auf der Clingenburg zeigte sich einmal mehr, wie gut Theater unter freiem Himmel funktioniert: Am Abend hatten sich die dunklen Regenwolken verzogen und zu Beginn des Stückes saßen die teils in Tracht gekleideten Zuschauer und die Darsteller „in bayerischem Zwirn“ unter einem perfekten weiß-blauen Himmel. Das passte gut, denn in den folgenden zwei Stunden wurden die Premierenbesucher auf eine urkomische Reise ins tiefste Bayern mitgenommen, wo der Münchner Alois Hingerl (Günther Brenner verkörpert den Ur-Bayern auf unglaublich witzig-lakonische Weise) unverhofft vom Tod erwischt wird und nacheinander im Himmel und in der Hölle landet.

Ohne Bier wär das Leben gar nicht auszuhalten, findet Alois, der lieber im Münchner Hofbräuhaus sitzt, anstatt am Hauptbahnhof als Dienstmann Nummer 172 zu arbeiten. „I arbeit gern, bloß unter der Wuch‘, da will i moi Ruh haben“, schwadroniert er vollmundig am Stammtisch mit der Kellnerin Kathi (wunderbar natürlich: Ramona Schmid). Doch nicht nur die Arbeit, auch die strenge Ehefrau Kreszenzia (Franziska Krumwiede), macht dem armen Alois das Leben schwer. Doch sein ungesunder Lebenswandel wirkt sich auf die Gesundheit aus und schon bald wird ihn der Boandlkramer (Werner Wulz brilliert als Tod) abholen kommen.

Das Bühnenbild (entworfen von Regisseur Marcel Krohn) integriert auf ausgeklügelte Weise das Hofbräuhaus, Himmel und Hölle in die Ruine der Clingenburg – selbst die Stufen in die Unterwelt fehlen nicht. Auch der Zuschauer fühlt sich fast schon als Teil der Szenerie. Das liegt vor allem auch an der Interaktion der Darsteller mit dem Publikum. Immer wieder wird es direkt angesprochen und in die Aktion miteinbezogen. Beispielsweise, wenn der Boandlkramer verkündet, dass er seit der Geschichte mit dem Brandner Kasper dazugelernt hat und sich nun nicht mehr so leicht hereinlegen lässt.

Nicht nur das Bühnenbild, auch die Darsteller sind in drei Bereiche unterteilt: Die Irdischen, die Himmlischen und die Teuflischen. Unter den Irdischen sticht Günther Brenner in der Titelrolle des Alois hervor, doch auch Claus Wilcke (bekannt geworden in seiner Serienrolle als Percy Stuart und als Synchronstimme unter anderem von Richard Burton) spielt den berlinernden Obdachlosen Paule in zerfledderter Kleidung und mit Supermarkttüten (Kostüme: Marianne Heide) mit großer Authentizität. Franz Garlik verkörpert als Sepp den modernen Lifestyle-Münchner, der über der Lederhose eine neonfarbene Weste trägt. Franziska Krumwiede vermag ihrer Rolle als Alois‘ Ehefrau auf äußerst humoristische Weise zwei Seiten zu verleihen: die des nervenden Hausdrachens und die der um den sterbenskranken Mann überbesorgten Frau. Franziska Lißmeier (kurzfristig für die verletzte Mariyama Ebel eingesprungen) sorgt als unfähige Notärztin Frau Doktor Herzstich mit französischem Akzent und aufreizend bestrumpften Beinen für erotisch-witzige Momente.

Doch auch die Himmlischen, die fast alle in bayerischem Dialekt sprechen, vermögen das Publikum zu amüsieren: Werner Wulz scheint die Rolle des Boandlkramers wie eine zweite Haut übergezogen zu haben. Ganz in schwarz gekleidet, mit säuselnd-leiernder Stimme und hintergründigem Witz erfüllt er fast schon bedauernd seine Pflicht – immer auf der Hut vor den Tricks der Sterblichen. Auch Erzengel Michael (erfrischend: Susanne Anders), der, wann immer der Zorn mit ihm durchgeht, ins Bayerische verfällt, sorgt für Lacher. Und der gestrenge Petrus (Konrad Adams), der mit dem aufmüpfigen Münchner so gar nichts anzufangen weiß, wirkt in seiner oberlehrerhaften Art urkomisch.

Boshaft und sehr verdorben geht es in der wüsten Hölle zu, die selbstverständlich komplett in preußischer Hand ist. Hier toben der wilde Sparifankal (Maik Eckhardt) und sein Echo Pfuiteifi (Fabian Baecker) herum und malträtieren den armen Alois mit Peitschen und Zangen zu Disco- und Volksmusik und wissen ihn letztendlich doch nicht zu händeln. Am Ende sorgt die Stimme Gottes (gesprochen von dem bekannten Liedermacher Konstantin Wecker) für Ordnung – und die Einsicht, dass Alois weder im Himmel, noch in der Hölle, sondern doch am allerbesten im Hofbräuhaus aufgehoben ist. Als er dort aufwacht, ist sich Alois gar nicht sicher, ob das nicht alles nur ein Traum war – zur Sicherheit hält er sich aber an das von Gott auferlegte Gebot und trinkt sein Bier nur noch „in Maßen“.

Marcel Krohn hat in das Volksstück von Autor Alfons Schweiggert nicht nur viel Humor, sondern auch hintergründige politische Botschaften und vor allem authentischen bayerischen Charme gepackt, der die Zuschauer mitzureißen weiß. Am Ende stimmen alle Darsteller auf der Bühne „In München steht ein Hofbräuhaus“ an und die Premierenbesucher singen und klatschen begeistert mit. Auf das obligatorische „Eins, zwei, gsuffa“ folgt euphorischer Applaus und Standing Ovation für diese gelungene Premiere und den äußerst kurzweiligen Abend im tiefsten Bayern.